2009 und 2010 sind wir in fünf Etappen auf dem Einhardweg gewandert. Der Weg ist eher unbekannt und nicht so etabliert wie die Bonifatiusroute. Er führt von Michelstadt im Odenwald nach Seligenstadt am Main. Zwei Orte, in denen Einhard im 9. Jahrhundert Kirchen errichten ließ. Zwei Kirchen mit ganz unterschiedlicher Geschichte. Die Basilika in Michelstadt-Steinbach verliert schon wenige Jahre nach Fertigstellung ihre eigentliche Funktion. Die Basilika in Seligenstadt ist bis heute vielbesuchte Wallfahrtskirche.
Einhard wurde 770 in der Gegend zwischen Main und Odenwald geboren und starb 840 in Seligenstadt. Seine Ausbildung erhielt er im Kloster Fulda. Am Hofe Karls des Großen war er Lehrer, Ratgeber und bedeutender Biograph mit seinem Buch "Vita Karoli Magni". Neben seinen umfangreichen Tätigkeiten für die Karolinger gründete und führte er als Laienabt mehrere Klöster und ließ Kirchen erbauen.
Als ein Geschenk für seine Verdienste erhielt Einhard die Gemarkung Michelstadt, wo er im Ortsteil Steinbach die Basilika errichten ließ. Sie wurde 827 vollendet und ist heute ein wertvolles Denkmal karolingischer Baukunst. Einhard ließ die Kirche mit wertvollen Reliquien ausstatten (die auf nicht ganz legalen Wegen besorgt worden waren). Allerdings, das zeigte ein Traum, „fühlten die Gebeine sich nicht wohl“ und wurden von Einhard daher kurze Zeit später, im Januar 828, nach Seligenstadt überführt. Über diese Translatio, Überführung, schrieb Einhard ein noch heute überliefertes Buch. Eine kurze Passage daraus:
Wir bereiteten alles, was uns zu diesem Umzug nötig
schien, in aller Eile und mit dem größten Eifer vor,
nahmen beim Frühlicht nach Beendigung der Mette den heiligen und
unschätzbaren Schatz zum großen Schmerz und Leidwesen
derer, die daselbst zurückbleiben mussten, auf und machten uns
damit auf den Weg, begleitet von einer Schar Armer, die an jenen
Tagen zum Empfang von Almosen allenthalben dorthin zusammengeströmt
waren ...
Den Himmel verdüsterten schmutziggraue Wolken, die
sich alsbald in einen gewaltigen Regen hätten auflösen
können, wäre es nicht durch göttliche Kraft verhindert
worden. Denn jene ganze Nacht hindurch regnete es dermaßen ohne
Unterlass so sehr, dass es uns vollständig unmöglich
schien, den Marsch an jenem Tage zu beginnen. Allein die himmlische
Gnade bewirkte durch das Verdienst ihrer Heiligen, dass es sich mit
unsrer von Glaubensschwäche herrührenden Bedenken ganz
anders verhielt, als wir gewähnt hatten, da wir den Zustand des
Weges, auf dem wir schritten, ganz wider Erwarten verwandelt sahen.
Die Basilika war danach nur noch unbedeutende Kirche und wurde später als Kloster genutzt. In der Reformationszeit wurde das Kloster aufgehoben. Das Kirchengebäude diente jetzt als Hospital. Seit dem Dreißigjährigen Krieg wurde der Bau nur noch säkular genutzt.
Mit der Reformationszeit beginnt für uns Mennoniten die eigene Geschichte als täuferische Gemeinden. Prozessionen und Reliquienverehrung sind für uns fremde Glaubensformen, aber sie sind Ausdruck des Glaubens anderer Menschen. Wir wandern auf einem Weg, den wir für uns füllen können in der Gemeinschaft, im Reden, mit Singen und im meditativen Schweigen angesichts der Nähe Gottes, der uns begleitet.
Der heutige Einhardweg folgt den Spuren des Prozessionszuges, der
die Strecke von 65-70 km in zwei Tagen zurücklegte.
Wir
sind den Weg in umgekehrter Richtung gewandert und sind in Seligenstadt aufgebrochen.
Die Basilika in Steinbach war 2009 wegen einer gründlichen Dachsanierung
unter einem großem Gerüst verborgen und konnte ihre
schlichte Schönheit nicht zeigen.
Bei unserer Ankunft ein Jahr später konnten wir sie in neuer Pracht bewundern.
Unsere Wanderung war auf fünf Abschnitte aufgeteilt und folgte dem Einhardweg wegen fehlender Markierung oder schlechter Wegstrecke nicht genau.
August 2009: Wir starten in der Basilika Seligenstadt. Wir betrachten die Statuen von Petrus und Marcellinus, deren Reliquien hier liegen, und wir betrachten die moderne Plastik "Adam und Eva" des Künstlers Balkenhohl im Klostergarten. Wir genießen die großzügige Gartenanlage mit ihren Heilpflanzenbeeten. Dann wandern wir durch die Wälder ins Gersprenztal zur St. Anna-Kapelle bei Stockstadt.
September 2009: Wir beginnen mit einem kleinen Rundgang durch den englischen Landschaftspark Schönbusch bei Aschaffenburg. Der Weg führt uns weiter nach Großostheim. Die Kirche St. Peter und Paul am Marktplatz ist ein barock gestaltetes Schmuckstück. An ihrem Platz hatte schon Einhard eine Kirche bauen lassen. In der Kirche ist eine Beweinungsgruppe zu sehen, die von Riemenschneider geschnitzt wurde. Unser Ziel ist Wenigumstadt im Bachgau, wo gerade mit viel Geselligkeit das "Krautfest" gefeiert wird.
März 2010: Die Wanderung beginnt auf dem Waldparkplatz bei Mosbach und führt an der Mutter-Gottes-Eiche vorbei zur Burg Breuberg.
Mai 2010: Ausgangspunkt ist das alte Römerkastell Hainhaus am Limes, der sich hier über die Höhen des Odenwaldes erstreckte. Durch Wald, Wiesen und blühende Rapsfelder wandern wir nach Gönz. Der etwas versteckte Ort liegt nicht am Einhardweg. In der kleinen Dorfkirche singen wir vierstimmig und erfrischend aus den mitgebrachten Gesangbüchern und werden damit zum Dorfgespräch.
September 2010: Wir wandern vom Jagdschloss Eulbach zwischen Michelstadt und Gönz über Weitengesäß (was für ein schöner Name!) nach Michelstadt, wo wir die alten Fachwerkhäuser und Gebäude bewundern. Weiter geht es in den Vorort Steinbach zum Schloss Fürstenau. Und dann sind wir an einem wichtigen Ziel: die karolingische Basilika! Ohne Putz und ohne Pracht steht sie in stiller Schönheit da. Sie blendet uns nicht, sondern wartet auf unsere Gedanken und Eindrücke.
Aber noch wartet das Tagesziel der Wanderung auf uns: die Einhard-Quelle. Sie sprudelt zwei Kilometer weiter im Wald. Auf einem Meditationsweg zum Sonnengesang des Franz von Assissi kommen wir dorthin. "Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Wasser, gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch."
Die Einhard-Wanderung ist abgeschlossen. Viele Menschen und Freunde sind mitgewandert. Das Interesse ist groß und neue Ideen zum Wandern gibt es auch schon. Wie wäre eine Wanderung auf den Spuren der heiligen Elisabeth von Frankfurt nach Marburg? Oder auf dem Pilgerweg des St. Jost im Odenwald?